Wer an der Horlache entlangspaziert, sieht Wasser, Schilf, Bäume, Enten und schmale Wege. Was auf den ersten Blick wie ein langgezogener natürlicher Bach wirkt, ist bei genauerem Hinsehen jedoch etwas wesentlich Spannenderes. Die Horlache ist gleichzeitig Überbleibsel einer Jahrtausende alten Flusslandschaft, Teil eines mittelalterlichen Entwässerungssystems, technische Regenwasserinfrastruktur und wertvoller Lebensraum mitten in Rüsselsheim.
Kaum ein anderer Ort der Stadt verbindet Naturgeschichte, Stadtentwicklung und moderne Klimaanpassung so unmittelbar miteinander.
Und die Geschichte der Horlache ist noch längst nicht abgeschlossen.
Eigentlich ist die Horlache gar kein klassischer Bach
Schon die Frage, wo die Horlache beginnt, ist schwieriger zu beantworten, als man vermuten könnte. Eine klassische Quelle, aus der Wasser hervortritt und anschließend talwärts fließt, besitzt sie nicht.
Auf Rüsselsheimer Stadtgebiet besteht das System im Wesentlichen aus 13 langgezogenen Becken, die sich über rund 6,5 Kilometer vom Bereich Waldweg und Ostpark um Haßloch herum bis nach Königstädten ziehen.
Die Horlache ist heute Teil eines Regenrückhaltesystems, das dem Verlauf eines alten Mainarms folgt. Die einzelnen Becken sind mehr oder weniger stehende Gewässer und untereinander über Rohrleitungen verbunden. In das System entwässern unter anderem Regenwassernetze aus Haßloch und Königstädten.
Das erklärt einen scheinbaren Widerspruch: Die Horlache wird als Gewässer wahrgenommen, doch vielerorts ist kaum eine Strömung zu erkennen. Sie ist heute eher eine Kette miteinander verbundener Wasserräume als ein klassischer Fluss.
Genau darin liegt eine ihrer Besonderheiten.
Wer an der Horlache steht, steht gewissermaßen am alten Main
Der heutige Mainverlauf vermittelt den Eindruck, als habe der Fluss schon immer nördlich an Rüsselsheim vorbeigeführt. Tatsächlich sah die Landschaft früher völlig anders aus.
Das Rhein-Main-Gebiet war von alten Flussarmen, feuchten Senken und Überschwemmungsflächen geprägt. Ein Mainarm verlief von Raunheim aus östlich an Rüsselsheim vorbei, zog in Richtung Königstädten und bog anschließend nach Westen in Richtung Ginsheim ab. Die heutige Horlache zeichnet einen Teil dieser alten Gewässerlandschaft nach.
Dass Wasser hier über Jahrhunderte landschaftsprägend war, lässt sich sogar an den alten Flurnamen ablesen. Teufelsee, Ramsee, Breitsee, Böllensee, Erslache, Burggrafenlache, Großlache und Horlache erzählen sprachlich von einer Landschaft, die sehr viel feuchter gewesen sein muss als das heutige Stadtgebiet.
Besonders interessant ist ein Blick in historische Flurnamendaten. Für Rüsselsheim ist bereits für das Jahr 1320 eine Bezeichnung „an der Horbach“ überliefert. 1571 werden eine „grosse“ und eine „klein Horlach“ genannt. Auch im benachbarten Raunheim sind ähnliche Namensformen bereits aus dem Mittelalter dokumentiert.
Die Horlache ist damit nicht nur ein heutiges Naherholungsgebiet. Ihr Name gehört seit vielen Jahrhunderten zur lokalen Landschaft.
Im Mittelalter griffen Mönche in die Landschaft ein
Mit der natürlichen Feuchtigkeit der Gegend gab es allerdings ein Problem: Nutzbare Äcker und Wiesen waren knapp.
Im 13. Jahrhundert begannen deshalb in Haßloch ansässige Mönche mit Entwässerungsmaßnahmen. Es entstand ein Flutgraben, der von Raunheim kommend an Haßloch und Königstädten vorbeiführte und weiter über den Raum des heutigen Hofs Schönau und Bauschheim in Richtung Rhein verlief.
Dabei mussten die Mönche keineswegs einen vollständig neuen Wasserlauf graben. Sie nutzten weitgehend vorhandene alte Mainarme.
So bekam die Horlache ihr zweites Leben: Aus einem Relikt der natürlichen Flusslandschaft wurde ein vom Menschen genutztes Entwässerungssystem.
Über die folgenden Jahrhunderte verlandeten Teile dieses Systems wieder. Bereiche wurden eingeebnet, zugepflügt oder landwirtschaftlich genutzt.
Dann kam das 20. Jahrhundert.
Aus einem alten Flussarm wurde moderne Stadttechnik
Mit dem Wachstum Rüsselsheims nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich eine ganz andere Frage: Wohin mit dem Regenwasser neuer Wohngebiete?
Ende der 1950er-Jahre entstand die Idee, Niederschläge von Straßen und Dächern nicht gemeinsam mit dem Schmutzwasser zur Kläranlage zu schicken.
Zwischen 1959 und 1971 wurden deshalb Teile des alten Flutgrabens wieder ausgebaggert und als Regenrückhaltebecken hergerichtet.
Damit bekam die Horlache ihr drittes Leben.
Ausgerechnet ein uralter Mainarm wurde Bestandteil moderner Stadtentwässerung.
Das Prinzip funktioniert bis heute. Regenwasser aus Teilen Rüsselsheims gelangt in die Horlache, wird dort aufgenommen und zurückgehalten. Der alte Landschaftsverlauf wurde damit gewissermaßen in die technische Infrastruktur der modernen Stadt eingebaut.
Das ist ein entscheidender Punkt, wenn man die Horlache verstehen will: Sie ist nicht Natur oder Technik. Sie ist beides gleichzeitig.
Vom technischen Bauwerk zum Biotop
Dass aus Regenrückhaltebecken einmal ein ökologisch bedeutender Lebensraum entstehen würde, war keineswegs selbstverständlich.
Am 11. November 1960 übernahm der ASV Rüsselsheim neun Horlache-Becken als Pächter. Vier weitere gingen an den ASV Königstädten. Bereits Anfang 1961 erfolgte ein größerer Fischbesatz.
Mit der Zeit entwickelten sich die Becken zu Lebensräumen für zahlreiche Tiere und Pflanzen. Für den Horlachgraben werden inzwischen 17 Fischarten genannt. Darunter befinden sich nach Angaben des örtlichen Angelsportvereins auch mehrere Arten, die auf Roten Listen geführt werden.
Zu den vorkommenden Arten zählen unter anderem Karpfen, Schleie, Brassen, Rotauge, Rotfeder, Hecht, Barsch und Aal. Auch Wels und Zander sind im Gewässersystem vertreten.
Interessant ist dabei, wie komplex Naturschutz selbst an einem künstlich beeinflussten Gewässer sein kann. So wurde beispielsweise ein zusätzlicher Tümpel am Horlachgraben für Amphibien geschaffen.
Der Hintergrund ist bemerkenswert: Im eigentlichen Horlachgraben leben Fische, die Laich und Kaulquappen fressen können. Für Amphibien kann deshalb gerade ein kleines separates Gewässer wertvoller sein als die deutlich größere Horlache selbst.
Das große Problem der Horlache liegt am Grund
Die idyllische Wasseroberfläche verdeckt eine der größten Herausforderungen des Gewässers: Schlamm.
Blätter fallen ins Wasser, Algen sterben ab, organisches Material sinkt zu Boden. Hinzu kommen Stoffe, die mit Regenwasser von Straßen und anderen befestigten Flächen eingetragen werden können.
Über Jahre entsteht so eine immer mächtigere Schlammschicht. Gleichzeitig verbraucht der Abbau organischen Materials Sauerstoff. Besonders während heißer Sommer kann das problematisch werden.
Schon relativ früh zeigte sich, dass die neuen Wasserbecken ökologisch keineswegs von selbst stabil blieben.
Es kam zu Sauerstoffmangel und kleineren Fischsterben. Größere Ereignisse konnten durch Wasseruntersuchungen, intensive Beobachtung und teilweise schnelle Einsätze verhindert werden.
1984 gründete sich deshalb eine Gewässerschutzgruppe. Gemeinsam mit NABU und BUND stellte der ASV Rüsselsheim einen Antrag zur Renaturierung des Horlachgrabens.
Gefordert wurden unter anderem regelmäßige Entschlammungen, eine schrittweise Entfernung problematischer Pappeln, eine ökologisch besser angepasste Uferbepflanzung und die Anlage von Flachwasserbereichen.
1987 wurde Becken 5 schließlich von einer niederländischen Spezialfirma entschlammt. Weitere Becken folgten.
Schon 2001 experimentierte man nach einer Entschlammung der Becken 4 und 5 mit einer Tiefenbelüftungsanlage. Sauerstoff sollte den Abbau organischer Masse unterstützen und so die Zeit bis zur nächsten aufwendigen Entschlammung verlängern.
Was heute geschieht, hat also eine erstaunlich lange Vorgeschichte.
Bakterien statt Bagger: Seit 2023 läuft ein neues Kapitel
Besonders spannend ist die jüngste Entwicklung der Horlache.
Konventionelles Ausbaggern funktioniert zwar, hat aber Nachteile. Der Eingriff ist massiv, Lebensgemeinschaften im Schlamm werden entfernt und das ausgebaggerte Material muss anschließend transportiert und entsorgt werden.
2023 startete deshalb in Becken 5 ein Pilotprojekt. Natürlich vorkommende Bakterien und Enzyme sollten organischen Schlamm abbauen.
Das ursprüngliche Ziel bestand darin, die Schlammschicht um etwa 20 Zentimeter zu reduzieren. Dieses Ziel wurde nach Angaben der Stadt deutlich übertroffen.
Das Pilotprojekt wurde anschließend ausgeweitet.
2024 wurden die Becken 1 bis 3 behandelt. Dort kamen zusätzlich sieben solarbetriebene Belüfter zum Einsatz, die Sauerstoff in sehr feinen Blasen ins Wasser eintragen. Die Hochschule RheinMain begleitete das Projekt wissenschaftlich. Die Stadt berichtete anschließend von einer deutlichen Reduktion der Schlammablagerungen.
2025 folgten die Becken 9 bis 13, die sich von der Marie-Curie-Straße bis zur Astheimer Straße entlang Königstädtens ziehen.
Seit Mai 2026 läuft die Behandlung der Becken 4 und 6 in Alt-Haßloch und im Dicken Busch I. Vier weitere Solarflöße unterstützen dort die Mikroorganismen mit Sauerstoff.
Die Anlagen sind rund drei Meter breit und 2,40 Meter lang. Ihre Akkus speichern Sonnenenergie, sodass die Belüftung auch nachts weiterlaufen kann. Zusätzlich wird regelmäßig Bakterienflüssigkeit eingebracht.
Für 2027 sind die beiden letzten noch unbehandelten Becken vorgesehen. Das Ziel der Stadt lautet, 2028 alle Horlache-Becken in einem guten Zustand zu haben.
Damit läuft derzeit praktisch eine mehrjährige ökologische Sanierung des gesamten Gewässersystems.
Warum die Solarflöße manchmal merkwürdig aussehen können
Wer aktuell an der Horlache unterwegs ist, kann deshalb auf Geräte stoßen, die zunächst nicht recht in das Naturbild passen.
Die Solarflöße sind kein Freizeitgerät und auch keine schwimmenden Photovoltaikanlagen zur Stromproduktion für das öffentliche Netz. Sie versorgen Belüfter, die Sauerstoff in besonders kleinen Blasen in das Wasser einbringen.
Auch Veränderungen des Wassers während der Behandlung sind nicht automatisch ein Alarmzeichen.
Das Wasser kann sich zeitweise aufklaren oder eintrüben. Schlamm kann an die Oberfläche steigen und teilweise können sogar rötliche Verfärbungen auftreten. Solche Erscheinungen können Bestandteil des biologischen Abbauprozesses sein.
Gerade diese Information ist hilfreich, weil Spaziergänger ansonsten leicht den Eindruck bekommen könnten, mit dem Gewässer stimme etwas nicht.
Ein Stück Hochwasser- und Starkregenvorsorge mitten im Grünen
Die ökologische Funktion ist jedoch nur eine Seite.
Die Horlache ist weiterhin fest in die Entwässerungsstruktur Rüsselsheims eingebunden. Regenwassernetze aus Haßloch und Königstädten führen Wasser in die Becken.
Weiter südlich und westlich setzt sich das historische Grabensystem unter anderem über den Beinesgraben fort.
Der gesamte Raunheim-Ginsheimer Flutgraben mit Horlache und Beinesgraben besitzt ein oberirdisches Einzugsgebiet von knapp 30 Quadratkilometern.
Die Horlache lässt sich damit auch als Beispiel für das verstehen, was heute häufig als blaugrüne Infrastruktur bezeichnet wird: Wasserflächen und Grünräume, die gleichzeitig technische, ökologische und gesellschaftliche Funktionen erfüllen.
Gerade in Zeiten häufiger diskutierter Starkregenereignisse und heißer Sommer bekommt diese Verbindung eine neue Bedeutung.
Gleichzeitig gehört die Horlache den Spaziergängern, Joggern und Radfahrern
Für viele Rüsselsheimerinnen und Rüsselsheimer ist all das im Alltag vermutlich nebensächlich. Sie kennen die Horlache vor allem als einen Ort, an dem man schnell aus dem bebauten Stadtgebiet herauskommt.
Besonders deutlich ist das bei Haßloch. Dort bildet der Horlachgraben stellenweise eine klare Grenze zwischen Wohnbebauung und Wald.
Das Gebiet eignet sich zum Spazierengehen, Joggen, Wandern und Radfahren. Ein kompletter Rundgang um den Horlachgraben kommt auf ungefähr zehn Kilometer. Zahlreiche Brücken ermöglichen jedoch deutlich kürzere Runden.
Wer mehr daraus machen möchte, kann die Horlache auch als längere Wanderstrecke entdecken. Eine ausgeschilderte beziehungsweise beschriebene Route durch das Gebiet kommt auf ungefähr 11,5 Kilometer und lässt sich in gut zwei Stunden bewältigen.
Damit funktioniert die Horlache nicht nur als Ziel, sondern auch als grüner Verbindungsraum zwischen Ostpark, Haßloch, dem Wald und Königstädten.
Auch die Schweinepest hat Spuren hinterlassen
Selbst aktuelle Ereignisse lassen sich inzwischen an der Horlache ablesen.
Im Zuge der Bekämpfung der Afrikanischen Schweinepest wurden seit 2025 auch entlang des Horlachgrabens Zäune und Tore errichtet.
Im Bereich der B486 wurde zusätzlich versucht, durch eine entsprechende Sicherung des Wasserlaufs zu verhindern, dass Wildschweine den Graben einfach durchschwimmen und dadurch bestehende Infektionsbarrieren umgehen.
Deshalb können Spaziergänger im Umfeld der Horlache bis heute auf entsprechende Zäune und Tore treffen. Vorhandene Tore sollten nach dem Passieren wieder geschlossen werden.
Auch das zeigt, wie eng Naturraum und Stadtalltag hier miteinander verbunden sind.
Die Horlache erzählt fast die gesamte Geschichte der Landschaft
Vielleicht ist genau das der größte Reiz dieses Ortes.
Die Horlache ist kein spektakulärer See und kein mächtiger Fluss. Sie besitzt keine große Quelle, keinen Wasserfall und kaum Aussichtspunkte, für die Menschen von weit her anreisen würden.
Dafür lässt sich an ihr ungewöhnlich viel über Rüsselsheim ablesen.
Der alte Main hinterließ den Verlauf. Mittelalterliche Bewohner versuchten, die feuchte Landschaft nutzbar zu machen. Die wachsende Stadt des 20. Jahrhunderts machte daraus Regenwasserinfrastruktur. Angelsportvereine und Naturschutzorganisationen kämpften später um die ökologische Qualität. Heute werden Bakterien, Enzyme und solarbetriebene Belüftung eingesetzt, um das Gewässer langfristig zu stabilisieren.
Und während all das geschieht, gehen Menschen daneben mit dem Hund spazieren, fahren Fahrrad, joggen oder sitzen einfach am Wasser.
Genau solche Orte möchte RÜSNAH 360 sichtbar machen: Plätze, die im Alltag selbstverständlich wirken, deren Geschichte aber zeigt, wie viele Schichten Rüsselsheim tatsächlich besitzt. Die Horlache ist nicht einfach nur ein Graben. Sie ist ein Stück alter Main, mittelalterliche Kulturlandschaft, moderne Stadttechnik, Biotop und Naherholungsraum zugleich.
Bild: GeorgDerReisende / CC BY-SA 4.0

