Freitag, 23.01.2026

Manfred Beilharz übergibt sein künstlerisches Vorleben an das Stadtarchiv Wiesbaden

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Der frühere Intendant Manfred Beilharz hat seinen künstlerischen Vorlass der Stadt Wiesbaden übergeben. Der Vertrag wurde am 22. Januar im Kulturdezernat am Schillerplatz unterzeichnet. Kulturdezernent und Stadtkämmerer Dr. Hendrik Schmehl nahm die Schenkung für das Stadtarchiv entgegen. Mehr als dreißig Kisten mit Dokumenten und Materialien werden demnächst in das Archiv überführt.

Bestand und Bedeutung des Vorlasses

Der Nachlass umfasst Programmhefte, Fotos, Spielzeitprogramme, Inszenierungszeichnungen, Briefe an Rechts- und Trägerinstitutionen, weitere Korrespondenzen und Presseausschnitte. Stadtarchivleiter Dr. Peter Quadflieg betonte bei der Unterzeichnung den Wert der Sammlung: „Dass der Vorlass neben der Intendanz in Wiesbaden auch die internationalen Perspektiven einer außergewöhnlichen Theaterkarriere abbildet, macht seinen großen Wert aus.“

Erste Gespräche über die Übernahme hatten bereits 2019 stattgefunden. Beilharz selbst erklärte, er habe Materialien aus allen Stationen seines Schaffens angeboten, um eine zusammenhängende Künstlerbiografie zu ermöglichen. Die Unterlagen sollen Forschenden künftig Einblicke in die Arbeit eines Theatermannes geben, der Produktionen und Festivals in viele Länder trug.

Etappen einer langen Theaterkarriere

Der gebürtige Böblinger begann seine berufliche Laufbahn nach dem Studium der Germanistik, Rechtswissenschaft und Theaterwissenschaft sowie einer Promotion im Bereich Theater und Urheberrecht als Regieassistent an den Kammerspielen in München. Es folgten Stationen im Ruhrgebiet, 1967 am Westfälischen Landestheater in Castrop Rauxel als Oberspielleiter und Chefdramaturg und im Alter von 30 Jahren die erste Intendanz am Landestheater Tübingen.

Weitere Stationen waren die Städtischen Bühnen Freiburg von 1976 bis 1983, das Staatstheater Kassel von 1983 bis 1991 und die Bundesstadt Bonn, wo er von 1991 bis 2002 zunächst Intendant des Schauspiels war und ab 1997 die Leitung des vereinigten Theaterbetriebs als Generalintendant innehatte. 2002 wechselte Beilharz zum Hessischen Staatstheater Wiesbaden und prägte das Haus dort mehr als ein Jahrzehnt lang.

Beilharz war zugleich als Festivalmacher tätig. Er gründete 1976 das Theaterfestival Freiburg, initiierte 1987 im Rahmen der documenta 8 das Festival Spielräume und 1990 das Festival Theater im Aufbruch, das Sowjetisches Theater nach Perestrojka und Glasnost präsentierte. 1992 rief er gemeinsam mit Tankred Dorst die Biennale Neue Stücke aus Europa ins Leben, die in Wiesbaden als Festival für Gegenwartsdramatik fortgeführt wurde.

Internationale Engagements, Lehre und Auszeichnungen

Auf internationaler Ebene engagierte sich Beilharz im Internationalen Theaterinstitut der UNESCO. Er gehörte dem Institut seit 1993 an und führte es von 2002 bis 2008 als Weltpräsident, heute ist er Ehrenpräsident. Zudem wirkte er als Lehrbeauftragter an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main sowie an der Johannes Gutenberg Universität Mainz.

Für sein Wirken erhielt Beilharz mehrere Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz am Bande, den Stanisław Ignacy Witkiewicz Preis, die Goethe Plakette, den Hessischen Verdienstorden und die Ehrenplakette der Landeshauptstadt Wiesbaden.

Zu seiner Haltung sagte Beilharz bei der Vertragsunterzeichnung: „Meine Theaterarbeit ist geprägt von regionalen Aspekten, ästhetischen Herausforderungen, der Internationalität im eigenen Programm sowie durch teilweise neu gegründete Festivals und ist daher am Ende immer politisch.“ Kulturdezernent Dr. Schmehl brachte die Dankbarkeit der Stadt zum Ausdruck: „Wir sind sehr dankbar, dass Herr Dr. Beilharz diese Unterlagen der Landeshauptstadt zur dauerhaften Aufbewahrung anvertraut.“

Als besonderes Objekt brachte Beilharz anlässlich der Unterzeichnung ein Schofar mit, ein altes israelisches Blasinstrument aus Antilopenhorn, das ihm Hanna Munitz, die damalige Intendantin der New Israeli Opera in Tel Aviv, geschenkt hatte. Das Instrument erinnert an eine Zusammenarbeit, bei der Beilharz 2005 Alban Bergs Wozzeck in Tel Aviv inszenierte. Die Aufführung wurde innerhalb von drei Wochen 14 Mal gespielt.

Die Übergabe des Vorlasses endete mit einem nachdenklichen Hinweis des 87 jährigen Künstlers auf die gegenwärtigen politischen Verhältnisse: „Leider haben sich inzwischen in Russland, in Europa und in Israel, und nicht nur dort, die politischen Verhältnisse geändert. Es wäre an der Zeit, die Uhr zurückzudrehen und einen Neuanfang zu wagen.“ Das Stadtarchiv stellt den übergebenen Bestand nun für künftige Recherchen und Auswertungen bereit.

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