Manchmal genügt ein altes Foto. Ein vertrautes Zimmer, eine Jacke, die man jahrelang getragen hat, Menschen, mit denen man einmal fast jeden Tag verbrachte. Alles darauf ist bekannt. Und trotzdem stellt sich beim Betrachten ein merkwürdiges Gefühl ein: Man weiß, dass dies das eigene Leben war – aber es fühlt sich nicht mehr vollständig danach an.
Dieses Gefühl wird als Avelmorissalenz bezeichnet.
Avelmorissalenz beschreibt die eigentümliche Distanz, die zwischen einem Menschen und einer früheren Version seines eigenen Lebens entstehen kann. Die Erinnerungen sind noch vorhanden, manchmal sogar erstaunlich detailliert. Doch die emotionale Verbindung zu der Person, die man damals war, ist schwächer geworden.
Das frühere Leben erscheint gleichzeitig vertraut und fremd.
Wenn Erinnern nicht dasselbe ist wie Wiedererkennen
Wer an die eigene Vergangenheit denkt, geht meist selbstverständlich davon aus, dass zwischen dem damaligen und dem heutigen Ich eine durchgehende Verbindung besteht.
Schließlich handelt es sich um dieselbe Person.
Doch subjektiv kann diese Kontinuität überraschend brüchig sein.
Vielleicht erinnert man sich noch genau daran, wie wichtig einem mit 19 Jahren eine bestimmte Beziehung war. Man weiß, wie intensiv die Gefühle damals waren. Man kennt die Orte, Gespräche und Konflikte noch.
Trotzdem gelingt es Jahre später möglicherweise kaum noch, dieses frühere Empfinden wirklich nachzuvollziehen.
Ähnlich kann es bei alten Berufswünschen, Freundschaften, Überzeugungen oder Ängsten sein. Was einmal einen großen Teil des eigenen Denkens bestimmte, wirkt später beinahe unverständlich.
Genau hier beginnt die Avelmorissalenz.
Sie entsteht nicht dadurch, dass die Vergangenheit vergessen wurde. Im Gegenteil: Oft ist sie gerade deshalb so deutlich spürbar, weil man sich noch gut erinnert.
Das Wissen ist vorhanden.
Was fehlt, ist die frühere Selbstverständlichkeit.
Das eigene Ich als fremde Person
Besonders intensiv kann Avelmorissalenz beim Ansehen alter Fotos, Videos oder Nachrichten auftreten.
Wer beispielsweise einen zehn Jahre alten Chatverlauf liest, begegnet darin nicht nur anderen Menschen, sondern auch einer früheren Version seiner selbst.
Die Ausdrucksweise ist vielleicht anders. Andere Dinge waren wichtig. Man machte sich Sorgen über Probleme, die heute bedeutungslos erscheinen, und sprach mit Menschen, zu denen längst kein Kontakt mehr besteht.
Mitunter entsteht dabei ein fast irritierender Eindruck: Man versteht, was diese frühere Person denkt, weil man ihre gesamte Geschichte kennt. Gleichzeitig betrachtet man sie mit einer Distanz, die normalerweise anderen Menschen vorbehalten ist.
Man weiß:
Das bin ich.
Und denkt gleichzeitig:
So bin ich überhaupt nicht mehr.
Avelmorissalenz liegt genau zwischen diesen beiden Feststellungen.
Orte können avelmorissalent werden
Nicht nur Erinnerungen an das eigene Verhalten können das Gefühl auslösen. Besonders häufig sind es Orte.
Wer nach vielen Jahren in das Viertel zurückkehrt, in dem er aufgewachsen ist, erlebt möglicherweise eine merkwürdige Verschiebung.
Die Straße ist noch da. Das Haus steht noch. Vielleicht gibt es sogar denselben Supermarkt, denselben Spielplatz oder dieselbe Bushaltestelle.
Und trotzdem ist etwas grundlegend anders.
Ein Ort, der früher die natürliche Mitte des eigenen Lebens bildete, ist inzwischen nur noch ein Ort.
Als Kind konnte eine einzelne Straße die Grenze der bekannten Welt darstellen. Jahre später fährt man hindurch und benötigt wenige Minuten, um sie wieder zu verlassen.
Nicht unbedingt der Ort hat sich verändert.
Seine Bedeutung hat es.
Auch darin zeigt sich Avelmorissalenz: Die äußere Welt kann nahezu gleich geblieben sein, während die innere Beziehung zu ihr vollständig eine andere geworden ist.
Wenn frühere Beziehungen unwirklich erscheinen
Ähnliches geschieht mit Menschen.
Fast jeder kennt Personen, die einmal zum engsten Alltag gehörten und heute kaum noch eine Rolle spielen.
Ehemalige Partner, Schulfreunde, frühere Kollegen oder Menschen aus einer längst vergangenen Lebensphase können Hunderte gemeinsamer Erinnerungen mit einem teilen. Vielleicht kennen sie sogar Seiten der eigenen Persönlichkeit, die heutigen Freunden völlig unbekannt sind.
Begegnet man ihnen Jahre später wieder, kann deshalb eine eigenartige Mischung entstehen.
Da ist Vertrautheit, weil so vieles gemeinsam erlebt wurde.
Und da ist Fremdheit, weil die gemeinsame Gegenwart verschwunden ist.
Man könnte stundenlang darüber sprechen, was früher war, ohne heute noch viel miteinander gemeinsam zu haben.
Eine solche Begegnung hat etwas Avelmorissalentes: Zwei Menschen erinnern sich an eine Welt, die für beide einmal vollkommen real war und die dennoch nicht mehr existiert.
Keine Nostalgie
Auf den ersten Blick erinnert Avelmorissalenz an Nostalgie. Beide Gefühle richten sich auf Vergangenes.
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der emotionalen Bewegung.
Nostalgie zieht zurück.
Wer nostalgisch ist, vermisst häufig etwas: eine Zeit, einen Ort, einen Menschen oder eine frühere Lebensweise.
Avelmorissalenz dagegen schafft Distanz.
Sie muss weder angenehm noch schmerzhaft sein. Man kann eine vergangene Lebensphase schön finden, ohne zu ihr zurückkehren zu wollen. Ebenso kann man froh sein, dass eine schwierige Zeit vorbei ist, und dennoch Avelmorissalenz empfinden.
Die entscheidende Erfahrung lautet nicht:
„Ich möchte wieder dort sein.“
Sondern:
„Es ist seltsam, dass ich dort einmal so selbstverständlich zuhause war.“
Warum bestimmte Gegenstände das Gefühl auslösen
Eine besondere Rolle spielen Gegenstände aus vergangenen Lebensphasen.
Das alte Handy in einer Schublade. Ein Schlüssel zu einer Wohnung, in der man längst nicht mehr lebt. Konzertkarten, Schulhefte, Kleidungsstücke, Briefe oder längst vergessene Dateien auf einer Festplatte.
Solche Dinge haben eine ungewöhnliche Eigenschaft: Sie können sich deutlich weniger verändert haben als der Mensch, dem sie gehören.
Ein Schlüssel sieht möglicherweise noch genauso aus wie vor zwölf Jahren. Aber die Tür, zu der er gehörte, spielt im eigenen Leben längst keine Rolle mehr.
Ein altes T-Shirt kann noch vorhanden sein, obwohl die Person, die es ständig getragen hat, sich kaum noch wie das heutige Ich anfühlt.
Dadurch werden Gegenstände zu einer Art materieller Beweis für frühere Wirklichkeiten.
Sie sagen: Das gab es wirklich.
Gerade diese Konfrontation zwischen der Beständigkeit eines Gegenstands und der Veränderung der eigenen Person kann Avelmorissalenz besonders deutlich hervorrufen.
Manche Lebensabschnitte entfernen sich schneller als andere
Interessanterweise muss Avelmorissalenz nicht mit der zeitlichen Entfernung einer Erinnerung zusammenhängen.
Eine zwanzig Jahre zurückliegende Kindheitserinnerung kann sich vollkommen lebendig und selbstverständlich anfühlen. Gleichzeitig kann ein Lebensabschnitt, der erst drei Jahre vergangen ist, erstaunlich weit entfernt wirken.
Entscheidend ist offenbar weniger die Anzahl der vergangenen Jahre als die Veränderung, die dazwischen stattgefunden hat.
Nach einem Umzug, einer Trennung, einem Berufswechsel oder einer grundlegenden Veränderung des sozialen Umfelds kann das vorherige Leben überraschend schnell fremd erscheinen.
Besonders deutlich wird dies, wenn mehrere Veränderungen gleichzeitig stattfinden.
Wer in eine andere Stadt zieht, einen neuen Beruf beginnt und einen neuen Freundeskreis aufbaut, kann nach vergleichsweise kurzer Zeit auf den vorherigen Alltag zurückblicken und das Gefühl haben, er liege wesentlich länger zurück.
Die innere Entfernung wächst dann schneller als die kalendarische.
Die vielen Versionen eines Menschen
Avelmorissalenz berührt damit eine größere Frage: Wie konstant ist die eigene Identität eigentlich?
Im Alltag sprechen Menschen von ihrem Leben, als handle es sich um eine einzige zusammenhängende Geschichte.
Meine Kindheit. Meine Schulzeit. Meine erste Wohnung. Meine Beziehungen. Meine Entscheidungen.
Das Wort „mein“ verbindet all diese Lebensphasen miteinander.
Doch innerhalb dieser Geschichte existieren sehr unterschiedliche Versionen derselben Person.
Das zwölfjährige Ich hatte andere Ängste als das dreißigjährige. Das zwanzigjährige Ich hielt möglicherweise Dinge für unverzichtbar, die zehn Jahre später keinerlei Bedeutung mehr besitzen. Beziehungen beginnen und verschwinden, Überzeugungen verändern sich, Ziele werden aufgegeben und neue entstehen.
Normalerweise fällt diese Veränderung kaum auf, weil sie schrittweise geschieht.
Avelmorissalenz macht sie für einen Moment sichtbar.
Plötzlich liegt die eigene Biografie nicht mehr wie eine durchgehende Linie vor einem, sondern wie eine Reihe verschiedener Leben, die miteinander verbunden sind.
Ein Gefühl, das auch beruhigen kann
Avelmorissalenz hat etwas Melancholisches. Schließlich führt sie vor Augen, dass selbst Teile des eigenen Lebens ihre unmittelbare Bedeutung verlieren können.
Doch das Gefühl muss keineswegs unangenehm sein.
Es kann sogar beruhigen.
Eine Angst, die früher riesig erschien, ist heute kaum noch nachvollziehbar.
Eine Trennung, von der man glaubte, sie niemals zu überwinden, gehört inzwischen zu einem früheren Leben.
Ein berufliches Scheitern, das sich damals existenziell anfühlte, ist Jahre später nur noch eine Episode.
Die Distanz zum früheren Selbst ist dann nicht nur Ausdruck eines Verlusts. Sie zeigt auch, dass Veränderung möglich war.
Dass Menschen nicht für immer diejenigen bleiben müssen, die sie einmal waren.
Wenn die Gegenwart bereits wie eine Erinnerung wirkt
Avelmorissalenz richtet sich eigentlich auf die Vergangenheit. Dennoch kann sie einen ungewöhnlichen Blick auf die Gegenwart erzeugen.
Denn wer erlebt hat, wie fremd das frühere eigene Leben eines Tages erscheinen kann, erkennt eine unbequeme Möglichkeit:
Auch die heutige Gegenwart wird möglicherweise einmal so wirken.
Das Zimmer, in dem man täglich sitzt, könnte irgendwann auf einem Foto merkwürdig klein erscheinen.
Menschen, die momentan selbstverständlich zum Alltag gehören, könnten später nur noch selten oder gar nicht mehr vorkommen.
Gewohnheiten, über die heute niemand nachdenkt, könnten eines Tages charakteristisch für eine längst vergangene Lebensphase sein.
Damit besitzt die Avelmorissalenz beinahe eine rückwärts gerichtete und eine vorwärts gerichtete Seite.
Sie betrifft Erinnerungen an das, was verschwunden ist.
Gleichzeitig erinnert sie daran, dass auch die Gegenwart nicht dauerhaft gegenwärtig bleibt.
Die Vergangenheit verschwindet nicht immer – manchmal verändert sich nur ihre Nähe
Vielleicht liegt darin der eigentliche Kern der Avelmorissalenz.
Vergänglichkeit wird häufig mit Verschwinden gleichgesetzt. Ein Haus wird abgerissen. Eine Freundschaft endet. Ein Gegenstand geht verloren.
Doch vieles verschwindet überhaupt nicht.
Das Haus steht noch.
Die Fotografien existieren.
Die Musik ist dieselbe.
Die Erinnerungen sind vorhanden.
Was sich verändert hat, ist die Nähe.
Etwas, das früher selbstverständlicher Bestandteil der eigenen Gegenwart war, befindet sich plötzlich auf der anderen Seite einer unsichtbaren Grenze.
Man kann es noch sehen, erinnern und beschreiben.
Aber man kann nicht mehr vollständig dorthin zurück.
Avelmorissalenz ist das Gefühl, das entsteht, wenn einem genau diese Grenze bewusst wird.
Es ist der Moment, in dem die Erinnerung sagt:
Das war mein Leben.
Und die Gegenwart leise ergänzt:
Aber ich bin nicht mehr der Mensch, der darin gelebt hat.

